Bomben um und über Frankenhausen
Auch in Frankenhausen war die Bedrohung durch Luftangriffe allgegenwärtig, Fliegeralarm war mehrmals täglich und auch nachts angesagt. Das hieß, so schnell wie möglich die Schutzräume aufsuchen. Das waren für uns die Felsenkeller im Wüsten Kalktal, aber auch zu Füßen der Georgshöhe. Nicht selten schaffte man es aber nur in die eigenen Keller unterm Haus.
Nach der Zerstörung Nordhausens starrten wir mehrere Nächte lang gebannt auf den glutroten Flammenschein über dieser zerbombten Stadt, vermittelte das doch eine Vorstellung von der Gefahr, in der wir jederzeit schwebten. Und obwohl solch ein Inferno an uns vorüber ging, sollte es dennoch Frankenhäuser Familien hart treffen.
Mir haben sich besonders zwei Fliegerangriffe ins Gedächtnis eingegraben. In der Nacht vom 21. Januar 1944 wurde ich, wie sehr häufig, von meinen Eltern hektisch geweckt, schlaftrunken ließ ich über mich ergehen, dass sie mich anzogen, dann rannten wir los Richtung Wüstes Kalktal. Irgendwie ließ ich mich nicht von der Angst der Erwachsenen anstecken, bot doch der Himmel ein sagenhaftes Schauspiel, dessen Tragweite ich natürlich nicht erkannte. Die Flieger hatten wohl Hunderte Brandbomben gesetzt, die wir „Lichterbäume” nannten, die Nacht wurde dadurch taghell. Ich blieb daher des öfteren stehen, was meine Eltern natürlich noch mehr aufregte, und dann mit einem Mal schrie ich: „Ich habe einen Schuh verloren!”. Die drohende Gefährdung über uns nicht achtend, begann meine Mutter inmitten der Flut flüchtender Menschen nach dem Schuh zu suchen. Erstaunlich, was auch in äußerster Bedrängnis noch wichtig sein kann!
Die Erinnerung an den Morgen des 31. März 1945 erregt mich auch heute noch. Da wir zu dem Zeitpunkt des Ereignisses überhaupt nichts von der eigentlichen Tragik begriffen hatten, blieb mir besonders die Situation in meinem familiären Kreis im Gedächtnis haften. Das Geschehen, nämlich der Abwurf eines sogenannten Bomben”teppichs” bis vor die Tore der Stadt durch anglo-amerikanische Bomber, und das traurige Geschick dreier Menschen, die dabei umkamen, haben wir erst viel später realisiert. Nicht selten denke ich daran, wenn ich an dem Garten des Kinderheimes vorüber gehe, in welchem August Pätz mit seiner Tochter in dem kleinen Gärtnerhäuschen ums Leben kam, ebenso wie Willy Müller, welcher in seinem Schrebergarten gegenüber werkelte. Zum Glück für die Stadt gingen alle sonstigen Bomben im freien Feld, zumeist entlang der Wipper, die dadurch an vielen Stellen zum Überlaufen kam, nieder.
Um das folgende verständlich zu machen, muss ich erzählen, dass meine Mutter ein Mensch mit sehr positivem Einfluss auf andere war. Während der Kriegsjahre wirkte sie durch ihre Gelassenheit, hinter der sie ihre eigene Angst zu verbergen wusste, als ruhender Pol für die Nachbarinnen. Am Morgen dieses denkwürdigen Tages waren meine Mutti und ich allein im Haus, mein Vati war im Technikum, wo er arbeitete. Plötzlich begann unser Nachbarhund, der “Möppi”, zu jaulen, für uns war Achtung geboten, denn er hörte die Sirene früher als wir. So standen wir schon vor der Kellertür, als diese ertönte. Im gleichen Moment trat aber auch unsere Nachbarin mit ihrer kleinen Tochter zur tagsüber ja nie verschlossenen Haustür herein und stürzte meiner Mutter aufgeregt in die Arme. Diese drängte die sehr korpulente Dame in Richtung Kellertreppe, aber sie schien sich nicht bewegen zu können, vielmehr kippte sie nach hinten weg. Meine Mutter wusste vor Verzweifelung nicht was tun. Als nun wie durch Geisterhand die Haustüre aufging und unser Hund, welcher auf der Haustürtreppe gelegen hatte, durch den Flur geschoben wurde - dessen erstauntes Gesicht bleibt mir bis heute unvergesslich - fasste uns das Entsetzen. Ehe wir aber den Hergang begriffen, bewegte sich unsere Nachbarin, welche mit ihrer Tochter vor meiner Mutter in den Keller drängte, so ruckartig nach vorn, dass sie bald hinabgestürzt wäre. In der Aufregung hörten wir nicht einmal die vielen Detonationen außerhalb der Stadt, verursacht durch den Bombenabwurf. Der durch die Explosion der Bomben ausgelöste Luftdruck hatte die uns so erschreckende Situation ergeben. - Auch mein Vater erlebte im Technikum dieses Phänomen. Er konnte sich nämlich plötzlich nach dem Aufheulen der Sirenen, der Bombenabwurf und die Sirenenwarnung verliefen nahezu zeitgleich, plötzlich in den großen Räumen nicht mehr von der Stelle bewegen, er “schwamm förmlich in Luft”. Erst als die ersten der großen Fensterscheiben zu Bruch gingen, normalisierte sich alles wieder, und er begann fluchtartig das Gebäude zu verlassen.
Erst Tage später begriffen wir beim Anblick der Bombentrichterkette, dass dieser Luftangriff die Stadt Frankenhausen hätte auslöschen können.
„Es ist nichts Ungewöhnliches in jedes Menschen Leben, mit steigender Zahl gelebter Jahre vor allem den Anfang neu zu leben. Die Kindheit ist Beginn und Ende, Ziel aller Sehnsucht.”
(Günther Drommer)
Vorbemerkung:
Diese meine Kindheitserinnerungen sind besonders im Monat April immer wieder aktuell. Ich erlebte den Zusammenbruch des „Dritten Reiches” als 8jähriges Mädchen, und die angekündigten Besatzungsmächte wurden mit sehr gemischten Gefühlen erwartet: Angst vor Gewalttaten und Racheakten bei vielen, Aufatmen über das Ende des unsäglichen Krieges bei der Mehrheit der Bevölkerung. Mit diesen Aufzeichnungen möchte ich besonders der jungen Generation berichten, wie stark und wie lange Kriegseindrücke nachwirken können, und das, obwohl Bad Frankenhausen insgesamt sehr glimpflich „davongekommen” ist, da der geplante Bombenangriff sein Ziel verfehlt hatte und „nur” auf den Feldern zum Abwurf kam.
Am 11. April 1945 war für Bad Frankenhausen der Krieg faktisch vorbei. Wir lernten erst später in der Schule, dass dies eigentlich erst am 9. Mai besiegelt war. Meine dramatischste Erinnerung an die Besetzung unserer Stadt durch die US-Armee ist ein kurzes kriegerisches Nachspiel, das sich uns Frankenhäusern beim Auftauchen der ersten Panzer vor der Stadt bot. Bevor die von Nordwesten aus Richtung Sondershausen/Nordhausen einrückende Panzervorhut der Amerikaner ins Stadtgebiet einschwenken konnte, kam es zu einem Scharmützel mit 3 von Süden (über dem Botanischen Garten) angreifenden Kampfflugzeugen. (Eines davon wurde wohl auch getroffen und soll hinter dem Kyffhäuser abgestürzt sein). Diese hatten noch nicht begriffen, dass es nun Aus war. Die sich darauf in Sekunden entwickelnden Ereignisse haben sich mir, und sicherlich nicht nur mir, unauslöschlich ins Gedächtnis eingeschrieben. Fast die ”halbe” Stadt, auf jeden Fall wohl alle Bewohner unserer Straße, stand erwartungsvoll am nördlichen Stadteingang (Ecke Bachweg/Zinkestraße an der alten Gottesackerkirche). Alle schauten wie gebannt den nahenden Panzern mit dem Sternenbanner entgegen. Dann sah ich, wie sich plötzlich das Kanonenrohr des erstens Panzers nach oben richtete, hörte dann noch ein fürchterliches Knallen und Zischen, es “spritzte” um mich herum, die Leute fielen um wie die Fliegen, und ich meinte, sie seien nun alle tot. Ich hatte ja zum Glück bisher noch keinerlei Erfahrung mit dem Krieg gemacht. Da ergriff mich eine gewaltige Angst und ich verfiel in Panik, riss mich von der Hand meiner Mutter los, die mich im Splitterregen der gegenseitigen Geschosse vergebens versuchte einzuholen. Auch sie stand nun Angst und Schrecken aus.
Ich rannte in sinnloser Panik so schnell ich nur konnte, zu unserem kleinen Häuschen, doch dort suchte ich natürlich meine Eltern vergebens. Ich klinkte beim Nachbarn - damals waren die Haustüren nur selten verschlossen. Auch dort war niemand zu Hause, die Straße schien wie ausgestorben. Als ich dann nach oben in Richtung Wipper blickte, gewahrte ich, dass alle “Toten” wieder auferstanden waren. Da rannte ich schnell dorthin zurück, meiner überglücklichen Mutter in die Arme. Meinen Eltern war die Lust aufs „Zuschauen” vergangen, wir gingen zurück in die Wohnung. Von Ereignissen, die sich bereits vor der Stadt in einer Kiesgrube an der Teichmühle und danach im Stadtinnern abgespielt hatten, erfuhr ich erst sehr viel später durch „Hörensagen”, zumal meine Eltern immer versucht hatten, mich gegen alles Aufregende abzuschirmen. (In der Kiesgrube wurden 21? Volkssturmmänner[2], die sich als Hitlers letztes Aufgebot dort verschanzt hatten, von den Amerikanern erschossen, angeblich hätten sie die weiße Fahne gehisst und ihre Uniform ausgezogen, aber Legendenbildung war damals üblich. - Des weiteren weiß ich nur von Erzählungen, dass die Amerikaner, als sie auf den Anger kamen, 1 Mann in SS-Uniform er- oder angeschossen hätten, welcher mit noch einigen von ihnen aus dem Keller des Gymnasiums zu flüchten versuchte).
Persönliche Erfahrungen mit den Amerikanern machte ich aber dann, als Einquartierung angesagt war. Bald nach ihrem Einrücken gingen deutschsprechende amerikanische Soldaten von Haus zu Haus und machten Quartier, d. h. sie wiesen an, dass die Bewohner unserer Straße, die Anwohner der Parallelstraße (Sternbergstraße) vorübergehend aufzunehmen hätten.
Da wir nur ein sehr kleines Häuschen bewohnten, wurde uns auch nur eine Person, eine alte Frau, zugeteilt. Ihr halfen wir, einige Habseligkeiten zusammenzuschnüren. Die Räumung war sehr kurzfristig angeordnet. Diese alte Dame muss wohl recht wohlhabend gewesen sein, zumindest nach dem Eindruck, den ihre Einrichtung auf mich machte. Und wie jämmerlich ruiniert fanden wir alles wieder vor, nachdem die Wohnung wieder freigegeben war! Meine Mutti, die liebe Seele, hat ihr in tagelangem Einsatz geholfen, alles wieder bewohnbar zu machen.
Ab 18.00 Uhr (?weiß ich nicht mehr genau) war für das ganze Stadtgebiet Sperrstunde; d. h. kein Ausgang. Verboten war aber nicht, aus dem Fenster zu schauen, man tolerierte auch, wenn wir uns in unseren Vorgärten aufhielten. Die Soldaten, nur die Offiziere nämlich waren in den requirierten Wohnungen untergebracht, kampierten feldmäßig in ihren LKWs vor unseren Häusern, was für uns Kinder einen eigenen Reiz hatte. Wir strichen um die Wagen herum, vor allem die farbigen Soldaten waren besonders kinderlieb, und ganz Mutige erbettelten ein paar Süßigkeiten und prahlten dann damit. Mein Vater hatte mir einen Satz in Englisch eingetrichtert, der, wie ich heute weiß, grammatikalisch falsch war, mir aber dennoch einmal eine Packung Kaugummi einbrachte: „Have you chocolade?”. < Heutzutage schauen mich meine Enkel ungläubig bei der Aussage an, dass ich fast 10 Jahre alt werden musste, bevor ich das erste Stückchen Schokolade, es war damals die bei den Amerikanern gebräuchliche Blockschokolade (meist nur für die Zubereitung von Trinkschokolade verwendet) schmecken durfte. >
An der Wipper neben der Gottesackerkirche war das Küchenzelt aufgeschlagen, und ich erinnere mich, dass dort Soldaten auf Klappstühlen sitzend, die Beine auf dem Tisch, die Arme gekreuzt ausruhten. Manchmal warf man uns von dort etwas Essbares zu. Nach Essbarem suchte auch die hungernde Bevölkerung in den Abfällen, welche amerikanische Küchensoldaten hinausfuhren in den Wald bis zur sogenannten ersten Schweizerhütte an der Kyffhäuserchaussee. Dort bezogen manche Frankenhäuser den ganzen Tag über „Posten”, um ja rechtzeitig zur Stelle zu sein, wenn die LKWs gefahren kamen. Dann gab es ein wüstes Gedrängel und böse Szenen. Manche sprangen bereits auf die noch in Fahrt befindlichen Wagen auf, wo sie mit Fußtritten heruntergestoßen wurden. Der Hunger hatte die Menschen demoralisiert.
Nach Übereinkunft der Alliierten räumten die Amerikaner im Sommer die Stadt und der Einmarsch der Russen wurde von allen Bürgern herzklopfend erwartet, zumal demselben haarsträubende Berichte über Gräueltaten vorauseilten. Er verlief aber ruhiger als erwartet.
Hier erinnere ich mich nicht an Panzer sondern an LKW, besonders aber blieben mir die kleinen sogenannten Panjewagen mit den zottigen Pferdchen davor im Gedächtnis, hatte ich solche bisher doch nicht gekannt. Und an eine menschlich anrührende Begebenheit muss ich noch denken, nämlich die an einen jungen Nachrichtentechniker, der die Aufgabe hatte, provisorisch ein Kabel entlang der Straße zu verlegen. Da in unseren Vorgärten gewöhnlich Flieder- oder andere Büsche standen, konnte er sich das Einbringen von entsprechenden Haltestäben meist ersparen, er legte das Draht einfach über die Äste und balancierte zu diesem Zweck auf den damals schon recht morschen und wackligen Gartenzäunen herum. Mein Vater konnte das nicht mehr mit ansehen und brachte ihm eine Stehleiter. Sein dankbares und freundliches Lächeln kann man wirklich nicht vergessen. Er redete auf meinen Vater ein, was natürlich niemand verstand. Und mein Vater rechnete kaum noch damit, dass er die Leiter zurückbekäme. Umso erstaunter waren wir alle, dass er dieselbe nach getaner Arbeit nicht nur ordnungsgemäß zurückbrachte, sondern am nächsten Abend, wir wollten unseren Augen nicht trauen, mit einem halben, längsgespaltenen Schwein über der Schulter zurückkam und mit einem “Spasibo!” (Danke!) meinem Vater vor die Füße legte.
(historische Fakten: 9. Mai 1945 offizielles Kriegsende, für den ersten Thüringer Ort begann der Frieden am 1. April 1945. von Bad Hersfeld kommend erreichte die vierte Panzerdivision der dritten US-Armee die Hörschel. Am Abend besetzten die Truppen Creuzburg. Von da an rückten die US-Trup8pen fast stündlich vor: Am 6. April in Bad Langensalza, am 9. April in Heiligenstadt. am 11. des Monats erreichten sie Buchenwald. Weimar wurde kampflos übergeben. Einen Tag später, am Abend des 12. April war Erfurt nach heftigen Straßenkämpfen mit Wehrmachtseinheiten vollständig in den Händen der US-Truppen. Der Vorstoß nach Thüringen war Teil der strategischen Operation, die am 25. April mit dem Zusammentreffen amerikanischer und sowjetischer Truppen an der Elbe abgeschlossen wurde. Über den bevorstehenden Abzug der US-Truppen und die Übergabe Thüringens an die sowjetischen Verbündeten versuchten die Alliierten die deutsche Bevölkerung bis zum Schluss im Unklaren zu lassen, um eine Massenflucht zu verhindern. Am 1. Juli zogen die US-Truppen ab und übergaben Thüringen an ihre sowjetischen Verbündeten. (Thüringer Allgemeine vom 15. Januar 2005)
[1] Bachsweg, später Bachweg, heute Kyffhäuserstraße
[2] Im Juni 1945 wurden für die Bestattung dieser Männer bei der Fa. Richard Aschenbach 21 Holzkreuze für die Gräber in Auftrag gegeben, heute sind diese durch Metallkreuze ersetzt.
Eine interessante Website: http://www.oberkirchturm.de/
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