Zeitzeugen aus Oldisleben und Umgebung

Kriegsende 1945 - Kindheitsbilder aus einer schlimmen Zeit.

Von Hans Schneider, geboren und aufgewachsen in Bad Frankenhausen, jetzt wohnhaft in Nordhausen

 

Das Ende des Krieges erlebte ich als unterernährter, durch die Ereignisse der Zeit frühreifer Junge von 10 Jahren. Ich wohnte damals allein mit meiner Mutter im Schützenhaus an der Blutrinne am Rande unserer Stadt. Der große Garten mit den verschiedenen Schießständen , auf denen der Schützenverein, die Wehrmacht, die SA und SS, die Amerikaner und Russen schossen, war ein Abenteuerspielplatz ersten Ranges für mich. Ich war bei fast allen Übungen dabei und durfte auch schießen.

Bad Frankenhausen blieb lange Zeit von unmittelbaren Kriegseinwirkungen verschont.

 

 

Für uns Kinder war der Krieg ein abenteuerliches Spiel, illustriert durch die Propagandabilder der Deutschen Wochenschau. So zierten unsere Schulhefte und  -bänke Zeichnungen von Flugzeugen und Panzern mit Hakenkreuzen, die ununterbrochen  siegten. Die Realität verspürten wir jedoch zutiefst am Fehlen der Väter, am Hunger, der nie aufhörte und schmerzte, und am häufigen Unterrichtsausfall, der uns dagegen ganz und gar nicht weh tat.

Dennoch erreichte das direkte Kriegsgeschehen am Ende auch meinen Heimatort, die Ereignisse häuften sich, von denen sich einzelne wie Filmspots unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben haben. Nicht alle, die ich schildern möchte, dürften in den Chroniken vermerkt sein, aber noch gibt es  viele lebende Zeitzeugen in dieser Stadt, welche, auf diese Weise daran erinnert, meine Berichte bestätigen, korrigieren, durch andere Beiträge erweitern und somit präzisieren können, was Kinderaugen in anderen Dimensionen von Zeit und Raum erfassten und in die Seele spiegelten.

 

                     Der Marktplatz - Kulisse vieler Ereignisse

Der Marktplatz vor dem Rathaus bildete ( und bildet )die Kulisse für vielerlei zentrale Veranstaltungen. Er sah bei Aufmärschen die braunen Uniformen der SA, die grauen der Wehrmacht, später der Kampfgruppen, die Uniformen der ”Pimpfe” und HJ, später die Blauhemden der FDJ. Ich selbst trug im Verlauf der Zeit  zwei davon. Er vernahm vom Balkon des Rathauses die Durchhalteparolen zum Endsieg und die Maireden über die Sieghaftigkeit des Sozialismus. Artisten traten hier auf,  zeigten ebenfalls Drahtseilakte, und zahlreiche Marktbuden sorgten für reges Treiben. Die Zeit hat ihr Urteil gesprochen, die meisten Bilder sind verblasst, geblieben sind nur einige unauslöschliche Spots.

         

                             Der Pranger auf dem Markt

Durch den Krieg waren Fremdarbeiter Ost ( Zwangsarbeiter )  in der Stadt interniert. Eine Frau, so wurde den Bürgern verkündet, hätte Rassenschande begangen. Viele Einwohner waren auf dem Markt versammelt. In seine Mitte wurde ein Stuhl gestellt. Man setzte die Frau darauf. Ein Mann kam, offenbar ein Friseur, und schor ihr den Kopf kahl, wie man ein Schaf schert. Ihr Haar fiel zu Boden. Die Frau schluchzte Herz ergreifend und verbarg ihr Gesicht vor Scham in den Händen. Die Menge stand schweigend und reglos.

Hatte sie ein Eiseshauch mittelalterlicher Barbarei gestreift ?

                                

                                     Wildwest auf dem Markt ?

Unmittelbar nach dem Einmarsch der Amerikaner bot sich mir auf dem Markt ein Bild wie in einem Wildwestfilm:

Ich schaukelte gerade auf einer der schweren Eisenketten vor dem Geschäft von Max Perlick, hatte also gewissermaßen einen Platz im ersten Rang inne, als plötzlich viele Schüsse ununterbrochen unter dem Dach des Rathauses knatterten. Aus der Kräme kam ein langer Amerikaner in geduckter Haltung mit der Pistole in der Hand. Er arbeitete sich, eng an die rechten Häuserwände gedrückt und jede Deckung suchend, zum Rathaus vor. Das war ein Anblick! Offenbar gab es aber dort keine Heckenschützen und alles endete friedlich, denn mit diesem Bild endet auch mein Erinnerungsspot.

 

                                        Luftkämpfe über der Stadt

Gegen Ende des Krieges kam es mehrmals zu Luftkämpfen im Luftraum über der Stadt. Ich stand im Garten und beobachtete gebannt ein Schauspiel am Himmel : Helle und dunklere Flugzeuge kurvten wild umeinander. Manchmal waren zwei Maschinen kurzzeitig durch dünne Fäden miteinander verbunden. Es gab Geräusche in den Obstbäumen des Gartens. Eine Maschine stürzte mit einer Rauchfahne ab. Sie muss in der Gegend um Udersleben abgestürzt sein. Anschließend sammelte ich unter den Obstbäumen große Hülsen von den Bordwaffen der Flugzeuge auf. Sie hatten die Geräusche verursacht. Es war wieder ein Geschehen wie in der Deutschen Wochenschau, das ich so oft gezeigt bekommen hatte. Wohl deshalb empfand ich keinerlei Angst, ich wusste nur nicht, wer Freund oder Feind war, das war neu.

Es gab auch Aufregung, als sich ein Flugzeug kurz hinter der Stadt vor einer Scheune in den Acker grub. Die Stelle befand sich südlich der Esperstedter Straße. Das tiefe Loch war noch von der Straße aus zu sehen. Ich hörte viele Gespräche darüber, wer und was der Pilot gewesen wäre.

 

                                      Gewitter oder Bomben ?

Nordhausen erlebte zwei schwere Luftangriffe und wurde furchtbar zerstört. Viele Menschen wurden getötet. Jährlich gedenkt man der Opfer. Wir konnten damals den Widerschein der Brände über den Kyffhäuserbergen sehen. Ein britischer Bomberpilot, der von einem Feindflug gegen ein anderes Ziel zurückflog, schrieb damals in seinem Bericht, dass diese Stadt stark brannte. Auch unsere Stadt erlebte Luftangriffe, die sie hätten auslöschen können, aber wie durch ein Wunder blieb sie immer nahezu unversehrt….

Wir wohnten in der Poststraße In der Nacht  wurde ich mitten im tiefsten Schlaf von meiner Mutter aus dem Bett gerissen. Schlaftrunken hörte ich ein Krachen und glaubte an ein Gewitter, vor dem ich im Unterschied zu meiner Mutter keine Angst hatte, und wollte weiterschlafen. Sie aber warf mir etwas über und schrie mich an: „Wir müssen in den Keller!” Darauf zerrte sie mich quer über die Straße zu unseren Nachbarn, in deren Keller wir uns stets flüchteten. Überall zuckten Blitze. Ich begriff immer noch nicht, was geschah, aber als wir mitten auf der Straße waren, wankte plötzlich das Pflaster unter mir. Dann saßen wir im Keller und hatten nur noch Angst. Es war der Angriff vom 21.01.44 mit vielen Brandbomben, die in die Wälder rund um die Stadt fielen und sie erleuchteten.

Auch dieser Angriff war nicht befohlen worden, denn mein britischer Gewährsmann, Mr. Partington, ehemaliger Offizier der britischen Luftwaffe, fand in den Archiven kein militärisches Dokument, das Bad Frankenhausen erwähnte. Damals gab es einen großen Angriff auf Berlin. Er nimmt mit hoher Wahrscheinlichkeit an, dass daran beteiligte Maschinen auf dem Rückflug ihre Bombenlast bei uns abwarfen. Der Angriff erfolgte gegen 23 Uhr.

                                          

                                               Das Standgericht

Unmittelbar bevor die Amerikaner kamen, erschien ein Polizist bei uns im Schützengarten, tuschelte kurz geheimnisvoll mit meiner Mutter und verschwand wieder. Das machte mich hellwach. Sie sollte darauf achten, dass ich im Hause blieb. Zwei Militärlastkraftwagen quälten sich mit heulenden Motoren den Hohlweg der Blutrinne hoch und hielten am Eingang der alten Lehmgrube. Sie war nur durch einen Drahtzaun mit einer Hagebuttenhecke vom Schützengarten getrennt. Ich schlich mich heimlich durch die Schießhalle des Schützenhauses zum Hinterausgang und von da im Schutze der Fliederbüsche zu der dichten Hecke, hinter der ich mich verbarg. Die Leute in der Lehmgrube waren so sehr mit ihrem Tun beschäftigt, dass man mich nicht bemerkte.

Von dem einen LKW stiegen Soldaten ab, die unter Aufsicht links daneben mit dem Gesicht zur hinteren Wand der Grube, vom Eingang aus gesehen, Aufstellung nehmen mussten. Aus dem anderen Fahrzeug kam ein Erschießungskommando , das zwei sehr junge Soldaten zu dieser Wand führte und davor stellte. Einer schrie : „Mutter! Mutter!” Diese Schreie brannten sich mir ein, dass ich meine, sie noch heute zu hören. - Die Salve krachte, dann war es still. Der Offizier ging zu den Erschossenen, dann wurden die Leichen in zwei Särge gelegt, die man auf dem einen LKW mitgebracht hatte. Die Soldaten, die wahrscheinlich zur Warnung zusehen mussten, und das Kommando stiegen auf, die Wagen fuhren weg. So schnell, wie er gekommen war, war der grausige Spuk wieder verschwunden.

Ich ging zur Wand, wo die Blutflecken waren, und suchte im Lehm nach den Kugeln, wie ich es immer in den Kugelfängen der Schießstände tat, fand sie aber nicht.

 

Nachtrag von Hans Schneider im Mai 2005:

 

 

Das Standgericht

Paul Söhle berichtet von vier Radfahrern in Zivil, die von der SS aufgegriffen wurden. Am 8.4.45 wurden sie nach einem Standgericht ”zum ehemaligen der Schützengesellschaft gebracht und standrechtlich erschossen.”

Ich kann diese Aussage präzisieren, denn ich war Augenzeuge dieses Geschehens:

Während des Krieges und noch einige Jahre danach wohnte ich zusammen mit meiner Mutter allein im Schiessstand an der Blutrinne, den Frankenhäusern bekannt als Schützenhaus. Ich war damals gut 10 Jahre alt, der Schiesstand und der Schützengarten waren mein Abenteuerspielplatz, so kannte ich jeden Winkel.

Eines Tages (8.4, I.M.) kam der Stadtpolizist ( Nauland ? ) zu meiner Mutter und forderte sie auf, ihren Jungen im Haus zu halten. Das machte mich neugierig. Zwei LKW kamen die Blutrinne herauf und bogen vor dem Schützenhaus links zur Lehmgrube ab, die durch einen Zaun vom Schützengarten getrennt wurde, der durchwachsen war, so dass ich mich gut dahinter verbergen konnte, was ich während des gesamten Geschehens auch tat.

Die Wagen hielten gleich hinter dem Eingang in der Grube, aus dem einen LKW stieg eine größere Gruppe Unbewaffneter aus, die bewacht wurde und sich an der linken Seite in der Grube aufbauen musste, aus dem anderen LKW kam das Erschießungskommando mit den vier Todeskandidaten.. Diese mussten sich vor der hinteren Wand gegenüber dem Eingang aufstellen. Einer von ihnen schrie laut „Mutter1” Dann ging alles sehr schnell, der Kommandeur verlas einige Worte, das Erschießungskommando legte an, ein Befehl ertönte, die Schüsse fielen. Der Kommandeur ging, die Pistole in der Hand, zu jedem Hingerichteten, brauchte aber nichts mehr zu tun.

Das alles beobachtete ich von meinem Platz hinter dem Zaun, etwa in der Mitte zwischen dem Kommando und den Delinquenten. Ich schlich mich durch alle Schießhallen im Haus zurück zur Mutter, die mein Fehlen nicht bemerkt hatte. Diese Bilder haben sich mir so eingegraben, dass sie mir noch immer so gegenwärtig sind, als ob alles gerade erst gestern geschehen wäre.

 

                                                                                Hans Schneider

 

 

 

                                                Die Amerikaner kommen………….

Der Großdeutsche Rundfunk meldete : „Leichte amerikanische Panzerspitzen erreichen den Raum Nordhausen - Sangerhausen.”

Die SS hatte einige Gebäude besetzt, war aber, als sich die Amerikaner näherten, verschwunden, und es gab weiße Fahnen. Nur eine Volkssturmgruppe bezog in der Kiesgrube bei der Teichmühle Verteidigungsstellung, um die Panzer aufzuhalten und schossen mit einer Panzerfaust. Die Panzer antworteten mit heftigem Feuer, ich sah dann die Gräber dieser Verteidiger neben der Friedhofskapelle, sie bildeten eine lange Reihe von Grabstätten, die mit schlichten Holzkreuzen ausgestattet waren. Auf einigen konnte man lesen : Unbekannter Soldat. Die amerikanischen Panzerbesatzungen aber hatten am Tag zuvor den Totengeruch von Nordhausen verspürt und die Leichen in der Hölle der Boelcke - Kaserne gesehen, die noch vom Angriff am 4.4.45 dort lagen, weil ein Befehl den  Bürgern verbot, sich diesem Areal zu nähern.

Wahrscheinlich stammte das Stangenpulver, das die ältesten Jungen aus kleinen Säckchen an uns verteilten, von dem Kriegsmaterial, das in dieser Kiesgrube lag. Es sah aus wie grau-schwarze Makkaroni und brannte ruhig ab, wenn man es an eine offene Flamme hielt, aber an einem glühenden Stück Holz oder Kohle entzündete es sich explosionsartig und zischte pfeifend davon. Abends verwandelten wir diese Stangen in herrliche kleine Feuerwerkskörper oder auch Knallfrösche.

Ich empfing die leichten Panzerspitzen, die stundenlang mit dem Begleittross durch unsere Stadt rollten, zusammen mit anderen Kindern an der Ecke Poststraße - Frauenstraße, wo wir unser Häuschen hatten. Sie kamen vom Anger, fuhren am Bad vorbei die Frauenstraße hinauf und verließen hinter dem Friedhof die Stadt in Richtung Udersleben, Lastkraftwagen und Jeeps mit darauf montierten Maschinengewehren in bunter Folge, eine unglaubliche Menge an Kriegsmaterial.

Wir betrachteten die Amerikaner nicht als Feinde und winkten ihnen zu. Nicht wenige Soldaten winkten zurück. Einige saßen, lässig zurückgelehnt, ein Bein auf der Motorhaube, in ihren Jeeps und kauten ununterbrochen. ( hungrige Augen sehen scharf ) Unser Anblick musste erbärmlich gewesen sein, denn wir erhielten manchmal, wenn es einen Halt gab, Schokolade, Kekse oder andere Esswaren, was die GIs gerade in der Hand hatten. Die Musik, die aus ihren Radios drang, machte auf mich einen gewaltigen Eindruck. Die Klänge waren so fremdartig, dennoch so einschmeichelnd und schwungvoll, ganz anders als das Staccato der Marschmusik, an die wir bisher durch Rundfunk oder Film gewöhnt waren. Das war meine erste Bekanntschaft mit dem Swing, dem Glenn Miller Sound, den ich später als Tanzmusiker selbst gern zu produzieren versuchte.

Als Oberschüler bekam ich dann furchtbaren Ärger mit meinem überaus überzeugten Geschichts- und Gegenwartskundelehrer, weil ich, anders als es damals die Lesart der Geschichte verlangte, dabei blieb, dass wir von den Amerikanern und nicht von der sowjetischen Armee befreit worden wären.

Das Verhältnis der Amerikaner zur Bevölkerung war, abgesehen von einer gewissen Affinität zu den deutschen Mädchen, distanziert, aber im Wesentlichen  korrekt, zumindest waren uns keine Übergriffe bekannt, wie es sie später gegeben haben soll.

Die Amerikaner waren da, aber der Hunger blieb. Sie hatten bei der ersten Schweizerhütte an der Kyffhäuserstraße einen Abfallplatz errichtet, wo sich offensichtlich auch ihre Militärbäckerei entsorgte. Was die da nicht alles liegen ließen !  Das sprach sich schnell herum. Ich traf dort andere Bürger unserer Stadt und fand wahre Schätze. In klarer Erinnerung ist mir ein großer schneeweißer Klumpen Teig, frisch und sauber in ein Leinentuch gewickelt, fertig zum Ausbacken. Warfen nun die Soldaten , die uns sahen, mehr Dinge als notwendig weg, oder war das einfach der gewöhnliche Abfall einer Überflussgesellschaft, der in so krassem Widerspruch zu unserem Hunger stand?  Persönlich machte ich eine Erfahrung, die noch heute Millionen von Menschen auf dieser Welt machen müssen : Vor dem Hunger werden andere Dinge wie z.B. Stolz oder Abscheu klein und unwichtig. Noch als Bürger der DDR konnte ich nur schwer begreifen, warum ”die drüben” so viele gut erhaltene Dinge nicht mehr gebrauchen wollten. Produzieren wir jetzt Einheitsmüll; oder heißt das doch richtiger einheitlich Müll? Zählen wir z. B. nicht jetzt auch Schuhe, bei denen lediglich die Absätze schief sind, zum Abfall, weil die Reparatur zu teuer ist?  Ist es Müll, der für Menschen, die  in anderen Ländern unter unmenschlichen Bedingungen leben, bereits eine  Lebensgrundlage bedeuten würde? Warum ist das so auf dieser Welt eingerichtet? Fragen, auf die man keine Antwort bekommt.

 

                         Ein Geschäftsmann wird geboren

Ich erwarb meine ersten Erfahrungen im ´big business´, bei dem Zigaretten statt des wertlosen Geldes das gängige Zahlungsmittel waren, beim Verkauf von Frühkirschen aus unserem Garten an die amerikanischen LKW - Fahrer, die vor den Bierkellern an der Kyffhäuserstraße warteten. Einen GI musste ich zum Jüdischen Friedhof führen. Er bot mir für diese Dienstleistung grinsend meine  erste Zigarette an und wurde danach sehr besorgt um mich, als ich sterben wollte, weil ich versehentlich etwas Rauch in die Lunge bekommen hatte.

Eines Abends kam ein Amerikaner mit einem Mädchen die Blutrinne herauf. Ich stand an der Gartenpforte. Als sie zurück kamen, hörte das Mädchen von mir: „Das sage ich deiner Mutti!” - wie das Kinder eben so sagen. Der Erfolg war unerwartet, nach kurzer Aufregung wuchs eine Schachtel Zigaretten als Wegezoll zu mir herüber, die zusätzliche Nahrungsmittel für uns bedeutete. War ich nun ein erfolgreicher ´business man´ oder ein perfekter kleiner Erpresser oder gar beides?

 

                                          Die Plünderung

Auffällig viele Menschen eilten die Poststraße hinauf zur Oberkirche. Ich schloss mich ihnen an. Man war dabei, das Warenlager zu plündern, in das die SS die Kirche umfunktioniert hatte. Die Kirche war mit Waren aller Art bis oben hin vollgestopft. Aus dem Seiteneingang schleppten die Leute Stoffe, Schuhe und andere wertvolle Dinge die enge Treppe zur Frauenstraße hinunter. Noch im Gebäude entriss mir ein Mann das Fahrrad, das ich erbeutet hatte. Endlich kam ich  mit einem Kästchen voller Orden nach Hause. Ich war furchtbar stolz, denn ich besaß nun ein echtes Eisernes Kreuz. Leider teilte meine Mutter meine Freude nicht.

Die Frauen in unserer Straße unterhielten sich aufgeregt darüber, dass beim Plündern auch wertvolles Kircheneigentum mitgenommen worden wäre. Später vermeldete der Buschfunk, dass man es wieder zurückgebracht hätte. Ich habe mich an kompetenter Stelle erkundigt. Die Meldung stimmte. Glaube und Gewissen der Menschen haben selbst in Notzeiten gesiegt!

Im Hedrich - Heim streifte ich umher und fand in den Räumen viele Bürodinge, denn die SS hatte hier eine Verwaltungseinrichtung gehabt.

Auch der Weinkeller der Gaststätte Reichental wurde geplündert. Er sah schlimm aus. Überall zerschlagene Flaschen, Weinlachen auf dem Boden, ein schwerer Alkoholdunst verdickte die Luft, selbst die Treppe war mit Scherben bedeckt. Es war nichts mehr zu holen. In der DDR wurde daraus eine Nachbar, die aber nicht allzu lange bestand. Offenbar hatte Frankenhausen zu wenig Nachtschwärmer und die Kurgäste befanden sich gewiss alle brav um 22 Uhr im (eigenen?) Bett.

 

                           ……… und die Russen auch

Die Russen kommen! Diese Nachricht erzeugte große Unruhe in der Stadt. Gerüchte schwirrten umher, teilweise verbreitete sich Angst. Der Einmarsch der Sowjet - Armee vollzog sich für mich fast unbemerkt. Es gab keine endlosen Kolonnen mit Kriegstechnik, die Soldaten verteilten keine Schokolade, Kekse oder andere Köstlichkeiten. Sie kamen auf Panjewagen, die von kleinen Pferden gezogen wurden, ihre Uniformen waren arg strapaziert, ihre Feldblusen ausgeblichen. ( Für die jungen Leute von heute übersetze ich diesen altmodischen Ausdruck in gepflegtes Neudeutsch: Ihre Sweatshirts hatten einen echt geilen stone-washed look )

 

                                                 Das Lagerfeuer

Mein erstes Zusammentreffen mit einem russischen Soldaten war durchaus abenteuerlich. Da wir fernab der Stadt im Schützenhaus wohnten, wusste ich noch nicht, dass die Russen schon eingerückt waren und streifte kurz vor dem Dunkelwerden noch umher. Von fern erblickte ich den Schein eines Lagerfeuers und ging darauf zu. Es befand sich am unteren Rande des Knopfmacherhölzchens. Ein Soldat saß davor bei seiner Mahlzeit. Daneben stand ein Panjewagen, ein Pferdchen graste auf dem Fleckchen, das jeder Frankenhäuser unter der Bezeichnung ´Hundewiese´ ( Hunnewiese) kennt - ein romantischer Anblick. Getrieben von Neugier und Hunger schlich ich mich behutsam wie ein Indianer an. Das war ein Fehler. Der Soldat hörte meine Geräusche, legte seine Waffe auf mich an und brüllte mir etwas zu. Als er sah, dass sich da nur ein überaus schmächtiges Bürschchen verstört näherte, ließ er die Waffe sinken und winkte mich ans Feuer. Er sah den Hunger in meinen Augen, schnitt eine dicke Schnitte von dem dunklen Kastenbrot ab, das er vor sich hatte, tat einen großen Würfel Speck darauf und legte eine Zwiebel dazu. Das sollte ich essen! Beim Anblick des fetten Specks drehte sich mir der Magen um - hatte ich doch bisher kaum ein richtiges Stück Wurst gesehen - ich bekam nichts herunter. Augenblicklich brüllte der Mann wieder los und gebärdete sich, als ob er mich windelweich hauen wollte. In meiner Not zeigte ich auf den Speck und sagte : „Mama”. Das verstand der Mann, das war internationaler Wortschatz. Er beruhigte sich schnell, gab mir das restliche Brot und schickte mich weg. Als ich zur Mutter kam, saß mir der Schreck noch in allen Gliedern, aber Brot und Speck waren uns sehr willkommen.

 

                                

 

                                       Ein Danke der besonderen Art

Nach dem Einmarsch der Russen erzählte man meiner Mutter von Übergriffen, die es in der Stadt gegeben haben sollte, uns im Schützengarten war bisher nichts passiert. Eines Tages aber glaubten wir, wir wären nun auch an der Reihe - eine Gruppe schreiender Männer wälzte sich um Kleinschmidts Anwesen herum die Blutrinne herauf……….

Im Herbst 1944 hatten wir einen Fremdarbeiter aus dem Lager als Hilfe für die Gartenarbeit bekommen. Er wurde jeden Morgen von einer Wache gebracht und am Abend wieder geholt. Stephan  grub fleißig mit uns zusammen den Boden um. Meine Mutter meinte, wer zusammen arbeitet, sollte auch zusammen essen. So teilten wir unsere spärlichen Mahlzeiten mit ihm. Bevor er abends geholt wurde, stopfte er sich die Bluse über dem Gürtel mit Äpfeln für die Kameraden im Lager aus. Die Wache war auf beiden Augen blind……….

Nun führte eben dieser Stephan die lärmende Truppe heran. Sie betraten den Garten und hatten reichlich getrunken. Wir mussten aus dem Haus kommen und wurden  umringt. Die Männer redeten auf uns ein, Mutter musste Schnaps trinken. Dann lärmten sie noch ein Weilchen im Garten umher und verschwanden wieder. Es war uns nichts geschehen, von unseren Sachen fehlte nichts.

 

                                         Vater ist wieder da

Mit dem Wiederbeginn der Schule normalisierte sich für uns Kinder das Leben einigermaßen. Oft mussten wir noch Heizmaterial mit in die Schule bringen, damit der Unterricht überhaupt stattfinden konnte. Manche neuen Lehrer hatten mehr Schwierigkeiten mit dem Unterrichtsstoff als mit uns, so dass sich das Schülerleben erträglich gestaltete. Ein großes Ereignis war die erste Schulspeisung: Wir erhielten ein trockenes Roggenbrötchen, aber es bekämpfte den ständigen Hunger. Im nun beginnenden Russischunterricht hatte ich größere Erfolge im Erlernen des Skatspiels als beim Erlernen der Vokabeln. Jeder sagte uns, dass Russisch nicht notwendig wäre, und wir hielten uns daran. Der Lehrer störte uns jedenfalls beim Spiel kaum, er hatte mit sich selbst zu tun, denn er war uns offenbar im Stoff lediglich um eine Lektion voraus. Auch die Rechtschreibung im Deutschunterricht drückte uns nicht zu sehr, durften wir doch ´Kaninchen´ sogar mit ´r´ in der Mitte schreiben.

Im September 1947 befand ich mich zum Aufpäppeln im Kinderheim an der Kleinen Wipper ( später Prof. Ibrahim ), denn ich war noch immer sehr unterernährt. Wir spielten auf der Wiese vor dem Haus, da sah ich meine Mutter am Arm eines Mannes kommen, für mich ein unerhörtes Geschehen. Dann erkannte ich Vater. Er war gerade aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, sein erster Weg führte ihn zu mir. Wild rannte ich den Beiden entgegen. Mir war, als ob eine schwere Last von mir gewichen wäre, ich fühlte mich froh und frei. Mit seiner Ankunft hatte er mir die Verantwortung für Mutter und mich abgenommen, die ich die ganze Zeit unbewusst getragen hatte. Nun war auch für unsere Familie der Krieg zu Ende gegangen.

 

                                            Es lebe die Jungfernburg!

Wenige Jahre nach Kriegsende bedeutete die Einrichtung einer Schule für Kindergärtnerinnen in der Frankenburg ein wichtiges kulturelles Ereignis für unsere Stadt und den Anbruch goldener Zeiten für die jungen Burschen, zu denen auch ich mittlerweile gehörte. Sofort entstand die Bezeichnung ´Jungfernburg´ , da der Frankenhäuser schnell mit drastischen Spitznamen zur Hand ist, wenn er es auch mit dem absoluten Wahrheitsgehalt dabei nicht so genau nimmt. Sehr genau nahmen wir Jungen der FDJ - Organisation der Oberschule die gewünschten offiziellen Kontakte zu den Kindergärtnerinnen  - und ein wenig darüber hinaus. Das war so ziemlich der einzige ´gesellschaftliche Auftrag´, den wir gern ausführten. Einige Mädchen erwählten sich einen Frankenhäuser zum Ehemann. Wie sich die außerplanmäßige Anwesenheit von ausgebildeten Kindergärtnerinnen bevölkerungspolitisch für die Stadt ausgewirkt hat, habe ich in den Statistiken nicht geprüft, eine willkommene Auffrischung des Blutes allhier war sie jedoch auf jeden Fall.

 

Dieser Beitrag wurde am Montag, 11. August 2008 um 00:41 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Berichte aus Bad Frankenhausen abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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